Leben und Bedeutung des "Bayerischen Hiasl"

 

Hiasl Stich

Wer war der "Bayerische Hiasl"?

Matthäus Klostermayr (1736 - 1771) war der Anführer einer "gerechten" Wildschützen- und Räuberbande im heutigen Bayerisch-Schwaben. Durch die Dezimierung des über die Maßen vom Adel gehegten Wildbestandes schaffte er der leidenden Landbevölkerung Erleichterung und wurde darum - zumal er sich durch seine außergewöhnliche Schießkunst auszeichnete - schon zu Lebzeiten eine Legende. Der Umstand, dass territoriale Zerpflückungen der damaligen Herrschaftsgebiete die Strafverfolgung erschwerte und weder Hiasl noch seine Kumpane dadurch leicht zu fassen waren, trug zusätzlich zur Sagenbildung bei. Nicht zuletzt steht Klostermayr für die Versinnbildlichung des bayerischen Freiheitsgeistes und des Sozialrebellen, was zur Folge hat, dass er bis heute überregional nicht in Vergessenheit geraten und in Volkskunst, Kultur und Historie zu finden ist.

 

Kindheit und Jugend

Am 3. September 1736 wurde Matthäus Klostermayr als Sohn des Hirten und Tagelöhners Michael Klostermayr und seiner Frau Elisabeth in einem ärmlichen Häuschen (No 30, "Zum Brentan") geboren. Neben ihm gab es die vier jüngeren Geschwister Veronika (die jedoch bald nach der Geburt starb), Willibald, Maria und Regina. Hiasl galt als eifrig und klug, hütete im Sommer das Vieh und half im Winter am Spinnrad. Zudem hielten die frommen und gottesfürchtigen Eltern ihn zum regelmäßigen Besuch der Christenlehre und der Schule an. Unterstützung  bekamen sie vom Taufpaten Michael Ableitner. Der Vater begleitete häufig den befreundeten Jäger Bernhard Wörsching und schürte damit bei seinem ältesten Sohn die Jagdleidenschaft, die er schon früh übte und zu ungesehender Meisterschaft brachte. So konnte er wohl einer Taube im Flug den Kopf abschießen oder einem Kirchturmgockel ein Auge verpassen. Auch verhalf ihm diese Schießkunst zu einer angesehenen Stellung als Jagdgehilfe auf dem nahe gelegenen Jesuitengut Mergenthau. Erstmals wurde er dort im Alter von etwa 11 Jahren aushilfsweise als Schweinehirt angestellt, kehrte aber zwischenzeitlich nach Hause zurück, zumal er nach dem frühen Tod der Mutter 1752 die Familie nach Kräften unterstützte. Anfang 1753 trat Hiasl dann als Knecht auf dem Landgut Mergenthau in Dienst, doch musste er nur selten die Arbeiten eines solchen verrichten, sondern erhielt die Wald- und Jagdaufsicht im nördlichen und östlichen Waidbezirk und die Überwachung aller Teiche und Fischwasser. Zudem war Hiasl der humoristische Begleiter der Jesuiten während deren Vakanz im Sommer, ordnete deren Lustjagden an und sorgte stets für gute Unterhaltung, was ihm neben reichlichen Trinkgeldern eine Verdoppelung seines anfänglichen Knechtgehaltes einbrachte. Nach etwa 2,5 Jahren kehrte Klostermayer jedoch - vermutlich in Folge eines misslungenen Fastnachtscherzes bei dem er einen der Padres als einen "Katzenschützen" verspottete - nach Kissing zurück.

 

Der Hiasl als Wildpretschütze

Seinen wohl ersten Wildfrevel beging Klostermayr im Alter von 15 Jahren, indem er einen kapitalen Rothirsch auf dem Lechfeld erlegte. Nach derber Züchtigung nahm im der Vater das Versprechen ab, nie wieder eine derartige Tat zu begehen. Doch glühte in ihm die Jagdleidenschaft und als nach seiner Entlassung aus dem Jesuitengut auch die Hoffnung den inzwischen bettlägrigen Jäger Wörsching zu beerben dadurch zerstört wurde, dass dessen Sohn in den väterlichen Jagddienst trat, wurde Hiasl dazu verleitet auf eigene Faust zu wildern. Dabei war er von Anfang an der festen Überzeugung, dass das Wild Allgemeingut sei und seine Aneignung daher kein Verbrechen darstelle. Inzwischen verdingte sich Hiasl als Oberknecht beim "Scheransen-Bauern" Baumiller mit dessen Tochter Monika er ein Verhältnis pflegte. Daraus entstand der gemeinsame Sohn Korbinian, dessen Geburt Klostermayr aufgrund eines dreivierteljährigen Zuchthausaufenthaltes in München in Folge seiner Wildfrevel nicht miterleben durfte. Nach seiner Rückkehr fühlte er sich jedoch nicht bekehrt, sondern vielmehr in der  Ungerechtigkeit der Gesellschaft bestätigt und führte das Wildern trotz Warnungen fort, zumal großer Rückhalt aus der Landbevölkerung bestand, da die Dezimierung des vom Adel über die Maßen gehegten Wildbestandes Ernten rettete und Hiasl das Fleisch mitunter günstig veräußerte. Um sich des Hiasls endlich zu entledigen, erließ der kurfürstliche Pfleger von Friedberg einen militärischen Einzugsbefehl. Am 24. April 1761 wurde Klostermayr während eines Wirtshausaufenthaltes von Soldatenwerbern überrascht. Durch eine List gelang ihm die Flucht: er machte zunächst gute Miene zu bösem Spiel und behauptete er habe schon immer Soldat werden wollen und sorgte im Quartier in Friedberg für ausgelassene Stimmung. Als er gegen Abend nicht mehr unter den Neugeworbenen entdeckt wurde, glaubte zunächst keiner an eine Flucht, bis man Meldung bekam, dass der Gesuchte durch eines der Stadttore entkommen und dem Lech zugeeilt war. Als er die Soldaten heranstürmen hörte, stürzte sich der Flüchtige in den reißenden Fluss. Da man davon ausging, dass Hiasl ertrunken sei, wurde die Verfolgung aufgegeben. Klostermayr aber erreichte glücklich das andere Ufer und schleppte sich trotz Fieberfrost in das nächste Dorf - Oberottmarshausen bei Schwabmünchen - wo ihn ein gnädiger Bauer aufnahm und unentgeltlich gesund pflegte. Da der Lech zur damaligen Zeit die Grenze zwischen Bayern und Schwaben darstellte, war Hiasl somit aus Bayern stammend nach Schwaben gekommen. Dort prägte sich daher der Name "Bayerischer Hiasl". Nach seiner Genesung schloss sich Klostermayr zunächst der Wilschützenbande des so genannten "Krätzenbuben" Xaver Bobinger an, von dem er sich jedoch schnell distanzierte und stattdessen auf eigene Faust wilderte. Stattdessen schlossen sich ihm aufgrund seines Rufes und seiner Schießkunst vermehrt andere Wildschützen an.

 

Der "Bub" und der "Tyras"

Während man sich die Wildschützenbande nicht als feststehende Gruppe sondern vielmehr als Zusammenkunft regional unterschiedlicher Personen vorstellen muss, so wird der Bayerische Hiasl doch stets mit zwei festen Begleitern dargestellt: seinem "Buben" Andreas Mayr und seinem großen Hund "Tyras". Beide stellten zweifelsohne wichtige Gesellschaft in Klostermayrs Leben dar und waren für ihn von großer Bedeutung. Der "Bub" war erst 15 Jahre alt, als er Ende 1766 zum Bayerischen Hiasl kam, doch hatte er schon als Kind eine ungemeine Neigung zum Streunen und Wildern gezeigt und bereits mehrere Jagdfrevel begangen, weshalb er - wie es auch Hiasl selbst wiederfahren war - zum Militär eingezogen werden sollte. Als Mayr davon Wind bekam verlies er das elterliche Haus in Baierberg bei Mering und eilte über den Lech um sich der Wildschützenbande anzuschließen, auf die er in der Nähe von Augsburg traf. Er überzeugte Hiasl durch seinen Mut, vor allem aber durch seine Schießkunst und wurde sein beständiger Gefährte und Gehilfe und genoss bis zum Schluss als einziger in der Bande sein vollstes Vertrauen. Der Beschützer der beiden war ein riesiger gestromter Fanghund, der als gefährlicher und gefürchteter Gegner bei Zusammenstößen mit Jägern und Soldaten galt. Durch sein geradezu außergewöhnliches Gespür für all diejenigen, die dem Hiasl nicht wohlgesonnen waren, glaubten nicht wenige der Hund sei vom Teufel besessen. Ursprünglich gehörte der Bullenbeißer dem Müller der Putzmühle bei Merching, der damit prahlte, dass sein "Tyras" ihm den Hiasl einmal fangen und ihn damit sehr reich machen würde. Als Klostermayr dies hörte, beschloss er den Müller aufzusuchen und ihn zu zwingen, das wilde Tier auf ihn zu hetzten. Tatsächlich gelang es ihm den Hund im Kampf zu überwältigen, der ihm fortan treu zur Seite stand.

 

Verpasste Chancen zur Umkehr und Eskalation der Gewalt

Mehr als einmal hätte Klostermayr den ehrlichen Weg einschlagen und ein redliches Leben führen können. So verschaffte ihm 1767 nach seiner Rückkehr aus der Haft sein hochgestellter Vetter, der kurfürstliche Medizinalrat und Leibarzt Dominikus Geyer, die Chance auf eine Anstellung als kurfürstlicher Jäger. Hiasl jedoch vermutete eine Falle und lehnte ab. Daraufhin versuchten Vater, Geschwister und der ansässige Pfarrvikar Klostermayr zu überzeugen in die Schweiz auszuwandern, um ihn vor einem schrecklichen Ende zu bewahren. Zunächst einverstanden mit diesem Vorschlag, wollte Hiasl in Begleitung des "Buben" in der Ferne ein neues Leben beginnen. Doch trotz des dringlichen Abratens von Seiten seiner Familie bestand er darauf, zuvor von seinen Wildschützen-Kameraden Abschied zu nehmen. Hierzu berief er am 4. Juli 1767 eine große Wildererversammlung im Augsburger Wald ein, zu der mehr als 40 Wildschützen erschienen. Diese appellierten an Hiesels Stolz und überzeugten ihn entgegen aller Vernunft weiterhin ihr Hauptmann zu sein. Vielmehr noch: bei der Wildererversammlung wurden zudem Gewaltakten beschlossen, um den zunehmenden Nachstellungen durch Jäger und Soldaten entgegenzuwirken. Fortan beschränkten sich die  Raubzüge nicht nur auf die Wäldern sondern es kam zu Überfällen von Amtsstuben und anderen öffentlichen Einrichtungen. Während Hiasl bisher unter der Landbevölkerung als "Schutzgott" der Felder gegolten hatte und überall gern gesehen war, schwand mit Zunahme der Brutaltät der Rückhalt von Seiten der Bauern, zumal die Auseinandersetzungen mit Streifen zunehmend blutiger verliefen. Die Gewalt eskalierte weiter und Klostermayr verübte eine ganze Reihe von Greul- und Freveltaten, Zerstörungsakten und Feindseligkeiten. Die Lage des Hiasls und seiner Anhänger spitzte sich weiter zu. Ein am 25. November 1770 vom kurfürstlichen Kammergerichtsrat Hemmer in München unterschriebener Steckbrief ermächtigte jeden, den Bayerischen Hiasl "tot oder lebendig" an die nächste Behörde auszuliefern. Schließlich wurde der erfahrene Premierleutnant Ferdinand Schedel beauftragt, sich der Wildschützen anzunehmen.

 

Festnahme und Hinrichtung

Am 14. Januar 1771 umstellte Leutnant Schedel gegen 7 Uhr morgens mit einer Armee von etwa 300 Mann, bestehend aus Soldaten und Jägern das Wirtshaus "Zur Post" in Osterzell, wo die Wildschützen zu zehnt bei Kartenspiel saßen und sich aufwärmten. Wegen des ausgesprochen dichten Nebels an diesem Morgen, ahnten sie keine Gefahr und zogen sogar ihre Wachen ab, bis der "Bub" aus dem Fenster schauend, die herannahende Streife entdeckte und Alarm schlug. Die Wildschützen eröffneten das Feuer und es folgte ein erbittertes fast vierstündiges Gefecht, bis die Hiasl-Bande ausgeräuchert und festgenommen werden konnte. Zwei Mitglieder waren tödlich, die anderen - mit Ausnahme des "Buben" der als einziger unversehrt geblieben war - mehr oder minder schwer verletzt. Auf Seiten der Gegner waren drei Tote und 23 Verletzte zu beklagen. Nach einem Zwischenstopp in Buchloe wurden die Gefangenen in einer dreitägigen Reise nach Dillingen an der Donau transportiert. Während des monatelangen Prozesses stellte Hiasl eine Art "Schauobjekt" dar und erhielt zahlreiche Besuche. Am 15. Juli gelang vier Bandenmitglieder, darunter dem "Buben", die Flucht aus dem Blockhaus. Das Urteil gegen den Bayerischen Hiasl wurde an dessen 35. Geburtstag, dem 3. September 1771 verkündet. Ihm und seiner Bande wurden insgesamt 50 Straftaten im gesamten Allgäu, in Augsburg-Land und -Stadt, in Dillingen, Günzburg, Neu-Ulm und Fürstenfeldbruck vorgeworfen. Dem Todesurteil soll Hiasl in Kissinger Dialekt sinngemäß entgegnet haben: "Dem Menschen ist es gesetzt zu sterben und auch von denen, die mich gerichtet haben, wird in 50 Jahren gewiss keiner mehr am Leben sein!" Zur Hinrichtung am 7. September 1771  versammelte sich eine beachtliche Menschenmenge, die dem Großereignis beiwohnen wollte und auch 14 Kissinger waren angereist, darunter Hiasls Schwester Regina. Nachdem das Urteil vor dem Rathaus verlesen worden war, wurde Klostermayr in eine rohe Kuhhaut gewickelt und zum Richtplatz auf der Donau-Brücke geschleift, auf dem zuvor schon zwei seiner Bandenmitglieder enthauptet worden waren. Dort wurde er zunächst mit einem Strick erdrosselt und sein Körper auf der Radbrechmaschine zertrümmert, dann geköpft und gevierteilt. Der Kopf wurde auf den Galgen aufgesteckt und auch eines der Viertel wurde in Dillingen zur Schau gestellt. Die anderen drei Teile wurden zur Abschreckung in Schwabmünchen, Oberndorf und Füssen aufgehängt.